DIE REISEBERICHTE VOM SULZBERGER-TEAM
Wir führen regelmässig Studien- und Rekognoszierungsreisen durch, damit Sie von nützlichen und aktuellen Informationen profitieren können. Unsere Erlebnisse - für Sie zum Mitlesen!
1. Litauens Architektur hat offenbar einfach alles mitgenommen
Man muss nur durch Vilnius oder Kaunas laufen. Der Architektur-Mix wirkt teilweise so, als hätte Europa hier über Jahrhunderte hinweg ungeordnet seine restlichen Baustile entsorgt.
Neben polnisch geprägtem Bauhaus stehen sowjetische Brutalismus-Bauten, hanseatische Backsteingotik und barocke Kirchenfassaden, die aussehen, als hätte jemand Rom kurz Richtung Osten verschoben.
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Besonders die Sowjetarchitektur wirkt oft erstaunlich filmreif. Manche Viertel sehen aus wie dystopische Science-Fiction-Settings. Kein Wunder also, dass immer mehr Produktionen in Litauen drehen. Ein besonders gutes Beispiel dafür ist das ehemalige Lukiškės Prison 2.0. Das frühere Gefängnis wurde unter anderem für die Netflix-Serie „Stranger Things" genutzt. Heute finden dort Konzerte, Raves und Partys zwischen ehemaligen Gefängniszellen statt.
Die Führung durch das Gefängnis gehörte zu den besten, die ich je auf Reisen erlebt habe: intelligent, trocken-humorvoll und mit bemerkenswert gutem Englisch. Generell scheint Litauen eine erstaunlich hohe Dichte an Menschen zu besitzen, die gleichzeitig historisch gebildet, leicht ironisch und komplett unprätentiös sind.
2. Litauens „Dark Tourism" ohne Disneyfilter
Litauen verarbeitet seine Geschichte erstaunlich direkt. Hier kann man sowjetische Bunker, Raketenbasen, ehemalige Militäranlagen oder verlassene Nuklearstandorte besuchen.
Während andere Länder ihre Geschichte oft weichzeichnen, wirkt Litauen eher nach dem Motto: Hier bitte, schaut es euch ruhig an.
Mein persönlicher Tipp ist das Museum der Okkupationen und Freiheitskämpfe – meist einfach „KGB-Museum" genannt. Das Gebäude war tatsächlich das ehemalige KGB-Hauptquartier. Besucher laufen dort durch originale Gefängniszellen, Verhörkeller und Hinrichtungsräume.
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Und genau das macht das Land spannend: Litauen wirkt weder geschichtsvergessen noch geschichtsmüde. Unsere sympathische und eloquente Stadtführerin sprach erstaunlich offen über die sowjetische Besatzung und Deportationen anhand ihrer eigenen Familiengeschichte.
3. Vilnius ist heimlich ein nordischer Foodie-Hotspot
2024 erhielt Vilnius erstmals einen Michelin Guide. Die litauische Küche kombiniert nordische Einflüsse, Fermentation, Waldzutaten und Fine Dining mit einer gewissen post-sowjetischen Improvisationsfreude. Genau das macht die Szene derzeit so interessant.
Das Beste daran: Vilnius ist noch „Value Fine Dining". Während man in Kopenhagen für ein Menü ungefähr den Gegenwert einer kleinen Gebrauchtwagenanzahlung bezahlt, bekommt man in Vilnius oft ähnliche Kreativität – plus Cocktails und Boutiquehotel – zum gleichen Preis. Was ebenfalls angenehm ist: Litauen gehört zur Eurozone, also weiss man immerhin sofort, was man auf der Speisekarte tatsächlich bezahlt.
Wir haben unter anderem folgende Restaurants besucht:
• Džiaugsmas → avantgardistisch, nordisch-minimalistisch und lecker
• Amandus → intimer Chef's-Table-Stil mit Eleganz
• Momo Grill → modern-entspannter Bistro-Grill
• Kristoforas → historische Altstadt-Atmosphäre mit elegant-klassischer Küche
• Apvalaus Stalo Klubas → romantisches Litauen-am-See-Gefühl
• Piano Piano → Kaunas-Kreativszene mit Design- und Italien-Fokus
Im Nachhinein hatten wir nicht einfach mehrere gute Restaurants besucht, sondern verschiedene Versionen moderner litauischer Identität gegessen.
4. Die Karäer – eine Volksgruppe, die völlig unter dem Radar läuft
Nur rund 30 Minuten von Vilnius entfernt liegt Trakai mit seinem berühmten Wasserschloss – einer jener Orte, die auf Fotos leicht kitschig aussehen und vor Ort dann überraschend interessant werden.
Trakai war einst politisches Machtzentrum des Grossfürstentums Litauen und Treffpunkt unterschiedlichster Kulturen wie Polen, Juden, Tataren und der Karäer.
Besonders spannend ist die Geschichte der Karäer: eine kleine Volksgruppe, die vermutlich im 14. Jahrhundert von der Krim nach Litauen kam und bis heute eine Turksprache spricht – mitten im Baltikum. Religiös gehören sie zum Judentum, entwickelten aber eine eigene kulturelle Identität. Während des Zweiten Weltkriegs führte genau das zu einer absurden historischen Situation: Die Nationalsozialisten stuften Karäer mehrheitlich nicht als Juden ein – was vielen das Leben rettete (notabene in einem Land, in dem der Holocaust regelrecht wütete).
Bis heute ist das Erbe der Karäer sichtbar, besonders kulinarisch: Wer in Trakai gemütlich Fleischpasteten isst, konsumiert Kibinai – eine Spezialität der Karäer. Wer solche isst, konsumiert nebenbei also ziemlich komplexe osteuropäische Geschichte.
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5. Die zweitgrösste Stadt Litauens muss sich nicht verstecken
Kaunas gehört zu diesen Städten, bei denen man vorher ungefähr gar keine Erwartungen hat – und genau deshalb positiv überrascht wird. Kaunas ist urban, studentisch und leicht improvisiert. Weniger geschniegelt, dafür authentisch.
Ausserdem gilt die Stadt als eines der wichtigsten Zentren modernistischer Architektur Europas und erhielt dafür sogar UNESCO-Anerkennung. Gleichzeitig fühlt sich vieles angenehm unfertig an – im besten Sinn.
Von Vilnius erreicht man Kaunas bequem in rund 90 Minuten mit dem Zug. Wer flexibler sein möchte, kann wie viele Einheimische Dienste wie Bolt Drive nutzen – und unterwegs noch Trakai mitnehmen.
Besonders spannend ist auch, wie viel Weltgeschichte hier plötzlich auftaucht. Wer weiss schon, dass in Kaunas einst Chiune Sugihara lebte – der japanische Diplomat, der während des Zweiten Weltkriegs tausenden Juden mit Transitvisa das Leben rettete und heute oft als „Japans Schindler" bezeichnet wird? Sein ehemaliges Konsulat, das Sugihara House, kann man heute besichtigen.
Perfekt zur Stadt passt auch das Moxy Kaunas Center, in dem wir übernachteten. Die Moxy-Hotels setzen auf urbanes Design, offene Lobby-Konzepte und eine gewisse „coole Kreativszene"-Ästhetik, die in vielen Städten schnell etwas anstrengend wirken kann, hier aber wunderbar warm und entspannt daherkommt.
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